Teil 2: Erfahrungen während des Caminos

Viele haben mich gefragt, wie ich an dieses Projekt Camino „rangegangen“ bin – im ersten Teil habe ich bereits davon berichtet. Heute geht es um Erfahrungen, die ich machen durfte und wie mir diese im beruflichen und privaten Kontext helfen.

Außenstehende, die den Camino nicht laufen, aber davon gehört haben, dass ich es vorhabe, haben „für mich“ (und natürlich sind sie von sich ausgegangen) im ersten Schritt oftmals potenzielle Hindernisse gesehen. So kamen Fragen wie:

  • Schaffst Du das konditionell überhaupt?
  • Hoffentlich läufst Du Dir keine Blasen!
  • Bei Deinen Rückenproblemen – wie willst Du in einer Herberge übernachten?
  • 260km – das ist ja auch eine ganz schöne „Hausnummer“!
  • Mit anderen in einem Schlafsaal zu schlafen, das könnte ich nicht!
  • Hast Du eine Auslandskrankenversicherung, nur für den Fall, dass was passiert?
  • Wie hast Du Dich vorbereitet – hast Du einen Rucksack mal probegetragen?
  • u.v.m.

Ich habe bei diesen Fragen festgestellt, dass ich sie mir teilweise gar nicht gestellt bzw. anders gestellt hatte und das Projekt eben auch anders – auf meine Weise - angegangen bin.

Als ich den „Ruf meines Unterbewusstseins“ gehört habe, habe ich mir überlegt, wie kannst Du das am besten für Dich umsetzen. Allein der Gedanke daran, den Kopf freizubekommen und mich zweieinhalb Wochen nur um mich und mein Wohlbefinden kümmern zu müssen, hat alles andere überstrahlt! :-) Kurzum, ich habe mich auf den Prozess eingelassen und alle gutgemeinten „Wenns und Abers“ nicht an mich herankommen lassen.

Wieder ein Prozess, den ich lernen musste – Dank meiner Supervisions- und TA-Ausbildungen! Denn ich höre zu, wenn Menschen mir etwas zu einem Thema sagen, und dann wäge ich ab, ob ich es in der Situation für mich brauche oder nicht.

Früher hätte ich mir diese Bedenken zu Herzen – und ich meine wirklich zu Herzen – genommen. Heute sind mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein so groß, dass ich mich auf mich gut verlassen kann und ein Urvertrauen dahingehend besitze, dass es immer eine Lösung für Probleme und Schwierigkeiten gibt (Dank meiner TA-Ausbildung) und ich mich bei einigen Dingen auch wirklich erst dann darauf konzentriere, wenn die Situation da ist! Meine Mutter hätte wahrscheinlich gesagt: „Geh erstmal los, alles andere ergibt sich dann schon!“

Diese Haltung ist für mich persönlich sehr wichtig: Sich mit den Problemen beschäftigen, wenn sie anstehen. Dass so ein Projekt auch Planung braucht, versteht sich von selbst, aber ich muss nicht alle Eventualitäten durchdeklinieren. Da hilft mir mein Urvertrauen schon ganz gut!

Ich sehe Parallelen dazu, wenn ich mit meinen Klienten arbeite, denn die kommen zu mir, weil sie Klarheit für sich und ihre Situation benötigen. Klarheit gibt Struktur und Sicherheit; Sicherheit gibt Selbstvertrauen.

So habe ich während des Caminos viele Menschen aus unterschiedlichsten Ländern kennenlernen dürfen, die aus den verschiedensten Gründen diesen Weg gelaufen sind. Ein Großteil der Pilger hat sich im Vorfeld bereits sehr stark mit sich selbst und der jeweiligen Situation / Lage auseinandergesetzt. Die meisten von ihnen wollten Antworten auf ihre Fragen, Klarheit für die nächsten Schritte etc. Merkt Ihr was? Keiner von denen hatte das Thema: „Die 260km schaffe ich nicht!“ Keiner hat – zumindest nicht offensichtlich – seine Kondition in Frage gestellt. Alle hatten eine Grundhaltung: „Ich möchte in Santiago ankommen und wenn ich nicht mehr kann, dann habe ich Menschen, mit denen ich hier zusammen bin, die mich (im übertragenen Sinne) dorthin bringen!“.

Genau das ist die Magie des Caminos: Du lernst, auf Dich und Deine Bedürfnisse zu hören und wie aus dem Nichts – es ist kein Scherz, wenn irgendetwas anscheinend nicht nach Plan läuft, dann kommst Du trotz alledem weiter und wirst von den Anderen, den Umständen aufgefangen.

Frei nach dem Motto: „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott (oder das Universum)!“ Nie fand ich diesen Spruch passender. Es geht um „Selfcare“ im umsetzbaren und unterstützenden Sinn. Sei gut zu Dir, zu Deiner Seele, Deinem Körper und Deinem Geist!

Hier einige meiner Erfahrungen während des Caminos, die ich machen durfte:

  • Mein Körper sagt mir, was er grade von mir braucht – ich sollte auf ihn hören!
  • Ich muss keinem etwas beweisen! Es kommt nicht auf die gelaufenen Kilometer an, es kommt darauf an, dass ich diese Reise genieße und den Moment lebe.
  • Es findet sich immer ein Weg – im wahrsten Sinne des Wortes! Im übertragenen Sinne: Es wird sich immer eine Lösung aufzeigen. Das gibt Zuversicht!
  • Soooo viele Menschen, wünschen sich nichts mehr als innere Ruhe und inneren Frieden mit sich selbst und anderen Menschen. Das schafft Gemeinschaft und ein grundlegendes Gefühl, welches Dich auf diesem Weg begleitet: Wir unterstützen und motivieren uns gegenseitig – so kommt jeder zu seinem Ziel!
  • Mich auf das Wesentliche zu reduzieren (essen, pilgern, schlafen) bringt Klarheit und Fokus, auf das, was für mich wichtig ist, sowie innere Ruhe und Gelassenheit.
  • Im Hier und Jetzt sein, heißt den Moment zu leben und „nur“ die Energie aufbringen zu müssen, die ich für diesen Moment benötige!
  • Bewegung hilft, die Gedanken zu sortieren.
  • In der Ruhe liegt die Kraft.
  • Balance zwischen Körper und Geist sorgt für guten Schlaf.
  • Einfach mal die Dinge auf sich zukommen oder laufen lassen.
  • Die Bewegung ist das Ventil für die Dinge, mit denen Du dich gedanklich beschäftigst.
  • Jeder Mensch hat eine Geschichte und ich interessiere mich für Menschen und deren Geschichten!

Das sind „nur“ einige Dinge, die ich aufgelistet habe. Hinzu kommen noch unzählige tolle Situationen, Erfahrungen, von denen ich nur ein kleines Beispiel hier teile:

Ich hatte mich in einer Unterkunft grade eingerichtet und mir überlegt, wo ich abends noch eine Kleinigkeit essen könnte, dann kam eine Brasilianerin, die mit einem Italiener (der anscheinend gut kochen konnte) und mit mir in einem Zimmer untergebracht war, einfach auf mich zu und fragte, ob ich Lust hätte, abends mit ihnen zu essen – Dario würde kochen! Zack – wieder ein „Problem“ weniger und nebenbei noch ein wunderschöner Abend mit acht Personen aus fünf Ländern; ich fühlte mich wie in meinen besten Studentenzeiten! Sowas kann auch eine Art „Jungbrunnen“ sein! :-)

Was habe ich also noch mitgenommen und gelernt? Mich auf Dinge und Situationen einzulassen – und genau das müssen wir auch, wenn wir supervidieren und coachen. Gucken, was sind die Rahmenbedingungen, mit den Klienten „mitschwingen“ und das gleiche Tempo finden (wieder eine Parallele zum Camino), damit wir unsere Klienten gut und sicher begleiten können.

Was der Camino in mir verändert hatte, als ich wieder zurück war, das erzähle ich Euch im dritten und letzten Teil „Nachwirkungen des Caminos!“