Teil 3 Nachwirkungen des Caminos
Am 14. Mai kam ich nach 14 Tagen wohlbehalten in Santiago de Compostela– ohne Blasen und Blessuren – an. Was für ein Moment! Das merkwürdige: Obwohl ich ein Ziel (Santiago) vor Augen hatte, hatte ich nicht das Gefühl, mit meiner Reise fertig, am Ziel oder am Ende zu sein.
Ich bin an dem Tag um 12 Uhr in den Gottesdienst gegangen, habe mir mein Zertifikat nach Vorlage meines Pilgerausweises ausstellen lassen, dass ich diesen Weg gegangen bin. Meine Mitpilgerinnen und ich haben ein letztes Mittagsmahl zusammen eingenommen und uns unter Tränen verabschiedet. Dann, um 17 Uhr, habe ich den Zug nach Madrid genommen und gedanklich sowie räumlich die erste Distanz zwischen die letzten 14 Tage gelegt. In Madrid habe ich abends im Hotel erstmal durchgeatmet, mir einen Drink an der Bar genommen und war einfach da! Angekommen!
Mir sind in diesem Moment folgende Dinge bewusst geworden:
- Wow – ich habe gerade eine Strecke von 260km zurückgelegt, und das ohne körperliche Beeinträchtigungen, noch nicht einmal eine einzige Blase. Was habe ich doch für „einen tollen Körper“, der so mitspielt – ohne eine athletische oder gar Modelfigur zu haben! Dafür war und bin ich sehr dankbar! Heute habe ich in einem Post bei LinkedIn zum Thema „Gut zu sich selbst und seinem Körper sein“ folgenden Beitrag gelesen, der es sehr gut – wie ich finde – auf den Punkt bringt:
„Unser Körper ist es, der alles wahrmacht, hier auf dieser Erde. Das Zuhause unserer Seele. Ein Wunderwerk. Wir dürfen gut auf ihn aufpassen und ihn achtsam und liebevoll versorgen“ –
Das ist eine meiner Nachwirkungen: Ich bin achtsamer mit meinem Körper und höre mehr auf das, was er braucht.
- Ich habe wunderbare Menschen kennen – und mögen – gelernt, mit denen ich auf Anhieb sicherlich abends kein „Glas Wein“ getrunken hätte. (Anmerkung: wir haben uns im Juli wieder getroffen). Jede dieser Frauen hat so wunderbare Stärken und dadurch haben wir uns so herrlich ergänzt auf diesem Weg. Jeder nach seinen / ihren Stärken und ganz wichtig: jeder / jede mit seinem / ihrem wunderbaren Humor! Großartig!
Fazit: Die Grundhaltung stimmt und bestimmt die weitere Beziehungsgestaltung!
- Ich mache seit drei Jahren bei meiner Arbeit Dinge, die ich nicht gerne mache – nämlich „online“ arbeiten. Coronabedingt war ich dazu „gezwungen“, habe jetzt endgültig für mich festgestellt, dass ICH das nicht möchte. Ich habe es lieber haptisch und sehe, spüre und fühle die Menschen, die Umgebung – das gesamte Setting.
Schlussfolgerung für mich: Dreidimensional ist besser als zweidimensional!
- Gemeinsam geht es besser! Nicht nur auf dem Camino mit anderen zu wandern auch im Business: sich mit anderen zusammentun, etwas auf die Beine stellen, auch mal mit anderen Branchen gucken, was da geht! Es erweitert nicht nur den Horizont, es zahlt sich auch in Bezug auf Netzwerken und tollen Begegnungen und Begebenheiten aus! Das motiviert mich sehr!
Ergebnis: Das „Wir“ gewinnt!
- In der Ruhe liegt die Kraft. Ich kann Dinge nacheinander und entspannter angehen, weil ich so viel Selbstvertrauen bekommen habe, dass ich weiß: Irgendwie geht es immer weiter. Darüber hinaus macht es mir mehr Spaß, nicht mehr 20 Dinge gleichzeitig zu tun, sondern eins nach dem anderen (je nach Priorität) abzuarbeiten. Das macht gelassen, strahlt für die Klienten und das Umfeld Ruhe und Zuversicht aus.
Nachwirkung: Ich habe mehr Energien, die ich gezielter einsetzen kann!
- Sich auf das Wesentliche zu reduzieren und 14 Tage der Seele „freien Lauf“ zu lassen, gibt Leichtigkeit und andere Perspektiven! Das Gefühl, das bis heute da und nachhaltig ist (auch wenn ich schon wieder im Alltag angekommen bin), ist mehr Ausgeglichenheit, denn:
„Die Welt ist komplex und dieser Komplexität kann ich entkommen, indem ich z.B. diesen Weg gegangen bin und mich nur auf wesentliche Dinge reduziert habe. Es gibt mir sehr viel Energie – trotz Anstrengung und Müdigkeit am Abend, weil ein Gleichgewicht zwischen körperlicher Bewegung und geistigem „Mit sich allein sein und die Gedanken laufen lassen“ geschaffen wird, was mich zurück in eine wunderbare Balance katapultiert hat.“
Fazit: die Balance zwischen Körper und Geist bringt Fokus auf das Wesentliche und das bringt mehr Leichtigkeit sowie Entspannung!
Nach diesem ersten Abend „jenseits“ des Caminos, habe ich mir noch einen weiteren Tag in Madrid gegönnt – nein nicht zum Sightseeing, sondern zum Shoppen! Denn 14 Tage nur mit dem Nötigsten und damit auch ausschließlich in Funktionskleidung zu laufen, das hinterlässt Spuren!
Ich war dankbar, endlich eine Jeans und ein Baumwollshirt tragen zu können, bevor ich am 16.05. wieder zurück nach Bremen geflogen bin. Auch hier geht es um Balance: vom sehr Reduzierten wieder die Lust auf mehr Komplexität.
Wir reden immer von Gesundheit am Arbeitsplatz und gutem Umgang mit sich selbst (Selfcare), das jedoch in einem komplexen und fordernden System umzusetzen (ohne schlechtes Gewissen) ist, meiner Meinung nach, eine hohe Kunst! Kurzum den Anforderungen, sowohl den eigenen als auch den Anforderungen anderer bzw. der Systeme, der Organisationen, gerecht zu werden in einer Welt, die immer digitalisierter wird und in der die menschlichen Grundbedürfnisse mehr und mehr in den Hintergrund treten, ist ein enormer Kraftakt – für jeden von uns. Denn wir vergessen oftmals „einfach nur“ zu leben und unser Dasein wertzuschätzen und zu genießen.
Ein Zitat von Lukian (Lukian von Samosata, der bedeutendste Satiriker der griechischen Antike, geb. 120 – gest. um 180) bringt es ganz gut auf den Punkt: „Sechs Stunden sind genug für die Arbeit. Die anderen Stunden sagen zum Menschen: lebe!“
An dem Tag des Rückfluges war ich wieder „fit und bereit“ für die „normale“ Welt – aber es wird sicher nicht die letzte Auszeit dieser Art für mich gewesen sein, denn das „Gefühl danach“ hat mich süchtig gemacht! Das möchte ich wieder erleben! Ich habe gelernt, mir und meinem Körper etwas Gutes zu tun und bewusster zu leben!