Teil 1: Den Camino macht man nicht – der Camino ruft Dich!
Letztes Jahr, also 2023, im September, saß ich mit meiner Kollegin Mechthild Müller am Rande eines Supervisionskongresses – in Puente de la Reina in Spanien.
Puente de la Reina ist ein wunderbarer Ort, Altstadt sehr schön restauriert und es fahren nur wenige Autos durch die Gassen. Das kleine Städtchen liegt am Camino Francese und so kam es, dass wir bei bestem Wetter draußen vor einer Bar saßen, unseren Espresso tranken, eine Kleinigkeit aßen und das Treiben auf der Hauptstraße dieses wunderschönen kleinen Ortes genießen konnten.
Wir haben den Pilgern zugeschaut, wie sie mit wenig Gepäck an uns vorbei gewandert sind. Mir fiel auf, dass nach einem Drittel der Gesamtstrecke so ziemlich alle Pilger (von Puente de la Reina nach Santiago sind es noch ca. 620km) sehr weiche und entspannte Gesichtszüge hatten. Die Sonne schien und ich hatte das Gefühl, dass mit jedem Schritt, den sie machten, ihre Gesichtszüge noch entspannter wurden.
Mechthild und ich fingen ein Gespräch darüber an, dass es sich oftmals leichter lernt, wenn man beim Lernen in Bewegung ist. Studien besagen, dass man dabei den Kopf freibekommt und sich Dinge einfacher behalten lassen. Bei dem Gedanken „den Kopf freizubekommen“, wurde ich aufmerksamer. Durch Corona musste ich lernen, mein Business von offline auf online umzustellen und ich habe nach wie vor Probleme mit Onlinecoachings bzw. Supervisionen.
Ich arbeite am liebsten mit Menschen „Offline“ zusammen, dabei kann ich mir einen besseren Gesamteindruck von ihnen verschaffen, der für die Qualität meiner Arbeit sehr wichtig ist. Seit drei Jahren mache ich also etwas, was ich eigentlich gar nicht gerne machen möchte: die Umstellung von Offline zu Online!
In dieser Zeit haben sich in meinem Kopf sehr viele „Wenns und Abers“ unterhalten und die „Fürs und Widers“ abgewogen. Hinzu kam für mich die Komplexität der Onlinewelt: Welche Tools brauche ich für das Business, wie kann ich mir diese selbst beibringen oder muss ich eine Schulung machen, wie poste ich bei LinkedIn, ist eine Facebook-Gruppe sinnvoll, was ist mit KI? Fragen über Fragen, auf die ich gar keine Lust hatte und die mein Business auch nicht wirklich nach vorn gebracht haben.
Ich kam also zurück aus Spanien und habe bei LinkedIn einen Post abgesetzt mit den eben beschriebenen Beobachtungen bei den Pilgern. Ich schrieb, dass ich irgendwann einmal gerne etwas ähnliches machen möchte und die Reaktionen meiner Follower ließen nicht lange auf sich warten! Von: „Super Idee, mach das unbedingt“ bis zu „Ich habe das auch schon gemacht, was für eine wertvolle Erfahrung!“ war alles dabei!
Ich habe gemerkt, wie mich die Kommentare dazu animiert haben, diese „Idee“ etwas mehr in die Umsetzung gehen zu lassen, denn zusätzlich meldete sich mein Unterbewusstsein mit dem Worten: „Einfach mal die Seele baumeln lassen, das wäre schon ganz schön!“; Zeit also für ein „Reset“ meiner eigenen Festplatte. Da kommt mir der Camino genau richtig! ABER: Du kannst doch keine 4 Wochen am Stück raus aus dem Business, wie soll das funktionieren??? So hatte ich einige innere Dialoge und Diskussionen mit meinem Unterbewusstsein bzw. mit mir selbst und mein Unterbewusstsein signalisierte mir von Zeit zu Zeit immer wieder: „Hey, senke mal dein Stresslevel und komm mal auf ganz andere Gedanken, das würde dir und deinem Körper ganz gut zu Gesicht stehen!“.
Im Oktober 2023 fuhren mein Mann und ich in unseren Jahresurlaub – dieses Mal nach Portugal für 10 Tage. Wir lieben das Land und waren noch nie in Lissabon gewesen, weshalb wir dorthin geflogen, dann an die Algarve gefahren sind und das Meer und die Herbstsonne genießen konnten.
In dieser Zeit habe ich erfahren, dass es auch einen „Camino Portuguese“ gibt. Der ist „nur“ 260km lang, führt an der Küste – wenn man möchte – entlang (für mich als Küstenkind genau das Richtige), kaum Steigungen und das Ganze ist in 14 Tagen umsetzbar! Das war mal eine brauchbare Nachricht und mein Unterbewusstsein hat sich wieder gemeldet: „Resette mal deine Festplatte!“
Getrieben von meinem Unterbewusstsein sowie den Reaktionen auf den LinkedIn Post, habe ich mich also – ebenfalls auf LinkedIn - Anfang des Jahres dazu bekannt, diesen Weg zu machen. Tja und wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es normalerweise auch durch! So kam es, dass ich im März dem „Ruf des Caminos“ gefolgt bin und mir vorgenommen habe, diesen vom 01. bis 14. Mai zu pilgern.
Ich habe vier Wochen vorher die Flüge gebucht und im Nachhinein erfahren, dass ich ziemlich spät dran war. Ich habe mir knapp zwei Wochen vorher im Pilgershop ein paar Utensilien gekauft, u.a. den Pilgerausweis, ohne den man nicht berechtigt ist, in den Herbergen zu nächtigen. Ich habe mir den Rucksack von einer Freundin geliehen, die den Camino Francese bereits gegangen war und habe mit meiner inneren Stimme eine Woche vorher die Diskussion gehabt: „2 Wochen, 5-Sterne Hotel Malediven, da kommst Du auch irgendwie runter und das ganz ohne Anstrengung – überleg‘s Dir besser nochmal!“ :-)
Achso und ich habe mir – ganz old school – im Januar einen Reiseführer gekauft über den Camino Portuguese und darin alle Informationen bekommen, die ich aus meiner Sicht dazu brauchte. Später – also während des Caminos – sollte ich erfahren, dass andere Pilger es anders machen.
Was hat das Ganze nun mit Coaching und Supervision zu tun? Ganz einfach, ich habe vor 26 Jahren ein 5 Tages-Retreat besuchen dürfen, in dem es um die Balance von Körper und Geist ging. Auf dem Camino habe ich Bewegung in Form von Pilgern mit „geführtem Nachdenken“ (in Form von Supervision) zusammengebracht und dadurch erneut erfahren, wie wichtig das Zusammenspiel von Körper und Geist für die Balance im Leben ist. Es geht um Klarheit und Fokus auf das Wesentliche, darum Energien und Motivation für Neues freizusetzen und den Mut aufzubringen, neue Wege zu gehen und dabei selbst zu reflektieren: Was kann ich? Was will ich? Was tut mir grade gut? Denn nur wenn es mir gut geht, kann es auch meinem Umfeld gutgehen, das heißt neudeutsch übrigens „Selfcare“!
Aber davon erfahrt Ihr mehr in der nächsten Ausgabe des Newsletters, unter dem Motto: „Erfahrungen während des Caminos!“